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Die Dynastie der Maler

Es war der reine Zufall, dass im Mai des Jahres 1729 ein Hofbeamter des Hauses Hessen-Darmstadt in Haina weilte, um dort die Rechnungen der Hospital-Verwaltung zu prüfen. Der Mann besichtigte bei diesem Anlass auch die Klosterkirche, und als er vor die Kanzel kam, sah er einen Knaben, der ein dort angebrachtes Porträt abzeichnete. Offenbar war er gleich überzeugt, dass der Junge ein außerordentliches Talent habe, und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, Maler zu werden. Der Knabe antwortete mit einem fröhlichen Ja, die Eltern waren einverstanden, und so nahm der Gast den 14-Jährigen mit nach Darmstadt und ließ ihn dort zum Maler ausbilden.

Ein magischer Moment

Es war die Initialzündung für den nachgerade märchenhaften Aufstieg einer ganzen Dynastie von Künstlern, von deren Befähigung die Welt ohne diesen magischen Moment vielleicht nie erfahren hätte. Der zeichnende Junge war Johann Valentin Tischbein, einer der sieben Söhne des Hainaer Hospitalbäckers Johann Heinrich Tischbein (1683-1764) und seiner Frau Susanne Margarethe (1690-1772). Die Familie, zu der auch zwei Töchter gehörten, war offenbar mit einer künstlerischen Ader gesegnet. Schon früh leitete die Mutter ihre Kinder zum Zeichnen an. Die Knaben suchten Rotstein, Ton und Lehm zum Malen, als Pinsel richteten sie sich faserige Birnenstengel oder Birkenzweige her. So ist es jedenfalls später berichtet worden.

16 namhafte Künstler

Johann Valentin Tischbein (1715-1768), der nun nach allen Regeln der Kunst ausgebildet wurde, war später als Hof- und Theatermaler bei verschiedenen deutschen Fürsten sowie in Maastricht tätig. Schon früh gab er sein Können an seine Geschwister weiter. Zwei seiner Brüder wurden bildende Künstler wie er. Johann Anton Tischbein (1720-1784) ließ sich nach Aufenthalten in Paris, Holland und Rom in Hamburg nieder. Und Johann Heinrich Tischbein (1722-1789), der in Paris, Venedig und Rom studierte, wurde Hofmaler und Akademie-Professor in Kassel. Dieser „Kasseler Tischbein“ war einer der angesehensten Maler seiner Zeit in Deutschland. Er gilt als der Bedeutendste der ganzen Sippe, die in mehreren Generationen nicht weniger als 16 namhafte Maler hervorbrachte, außerdem Architekten und Kunsthistoriker.

Mit Goethe in der Wohngemeinschaft

Den größten Ruhm erntete sein Neffe Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), dessen Vater Johann Conrad nicht Maler, sondern Hospital-Schreiner geworden war. Johann Heinrich Wilhelm absolvierte seine Ausbildung bei seinen Onkeln in Kassel und Hamburg und lebte später mehr als 16 Jahre in Italien. 1786 nahm er in seiner Wohnung in Rom den Dichter Johann Wolfgang Goethe auf. Dieser befand sich damals in einer Sinn- und Lebenskrise und war gerade seinem Dasein als Staatsminister am herzoglichen Hof in Weimar entflohen. Inkognito lebte er eine Weile mit Tischbein und anderen deutschen Künstlern in einer Wohngemeinschaft in Rom und studierte die Kunstwerke der Antike. In dieser Zeit schuf Tischbein sein weltbekanntes Porträt des Dichterfürsten, wie er in der römischen Campagna vor antiken Ruinen auf einem umgestürzten Obelisken sitzt, mit weißem Mantel und großem Hut.

Maastricht, Leipzig, St. Petersburg

Neben dem „Goethe-Tischbein“ und dem „Kasseler Tischbein“ war auch der „Leipziger Tischbein“ Johann Friedrich August (1750-1812) zu seiner Zeit in Deutschland ein Begriff. Er war in Maastricht als Sohn von Johann Valentin geboren, dem Knaben aus der Kirche. Wie sein Cousin, der Goethe-Maler, war auch er beim Kasseler Onkel in die Lehre gegangen und hatte mehrere Jahre in Italien verbracht, ehe er sich in Dessau, Dresden, Berlin und St. Petersburg betätigte. In Leipzig war er eine Zeitlang Direktor der Kunstakademie.

Zu nennen ist in dieser Reihe auch Ludwig Philipp Strack (1761 – 1836), auch er ein Cousin des Goethe-Tischbein. Das Licht der Welt erblickte er in Haina als Sohn von Luise Margarethe Strack geb. Tischbein, einer der beiden Töchter des alten Hospital-Bäckers. Auch in seinem Fall führte der Aufstieg über verwandtschaftliche Hilfestellungen und einen längeren Aufenthalt in Rom und Neapel, später wirkte Ludwig Philipp Strack als Hofmaler in Kassel, Oldenburg und Eutin.

Die vergessenen Frauen der Familie

Seine Ehefrau und Cousine Magdalene Margarethe Tischbein (1763-1836), eine Tochter des so genannten „Lübecker Tischbein“  Johann Jacob (1725-1791), ist eine der Frauen aus der Großfamilie, die ebenfalls zu ihrer Zeit als Malerinnen anerkannt waren, aber später vergessen wurden. In einer Ausstellung im Kloster Haina im Sommer 2016 wurden erstmals auch diese weiblichen Künstlerinnen der Tischbein-Sippe gewürdigt. Möglich wurde dies durch eine Initiative der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Martina Sitt von der Universität Kassel. Unter ihrer Leitung haben Studierende eines Masterkurses und Mitglieder der so genannten Bürger-Universität das Wirken von insgesamt zehn Malerinnen aus der Familie Tischbein und aus dem Umfeld der Kasseler Akademie erforscht, an der im Jahre 1777 erstmals in Europa auch Frauen als Studierende zugelassen wurden.

Unter ihnen sind neben Magdalene Margarethe Tischbein auch deren Schwester Sophia Antoinette Tischbein (1761-1826) sowie zwei Töchter des „Leipziger Tischbein“, Caroline und Betty Tischbein (1783-1843, 1787-1867). Zu nennen wäre schließlich auch Amalie Tischbein (1756-1839), eine Tochter des „Kasseler Tischbein“ (Siehe dazu nähere Einzelheiten in der Meldung „Die Frauen der Familie Tischbein“ vom April 2016 unter der Rubrik Mitteilungen).

Es wundert nicht, dass von der illustren Sippe ein Bild überliefert ist - der „Goethe-Tischbein“ fertige nach einer älteren Vorlage ein Porträt der Stammfamilie an. Es zeigt den Klosterbäcker und seine Frau mit ihren Kindern beim abendlichen Sticken und Malen. Johann Heinrich Wilhelm war es auch, der in seinen Memoiren die Szene mit dem Knaben Valentin in der Kirche überlieferte und anfügte: „Wären nicht die Herren Räte von Darmstadt nach Haina gekommen, so wäre der Junge, als er den Apostel malte, nicht als Genie erkannt worden und so hätten auch die Brüder und deren Söhne ihre Kunst nicht verbreitet und die vielen Schüler gebildet, die wieder weiter in die Zukunft wirkten.“

Der Dichter aus dem Dorf

In ähnlicher Weise war im Kloster Haina schon mehr als zwei Jahrhunderte zuvor ein anderer hochbegabter Knabe entdeckt worden, der dann ebenfalls seinen Weg in der Welt machte. Es war Eoban Koch, der 1488 in Halgehausen geborene Sohn eines klösterlichen Teichmeisters. In seinem Fall erkannte der damalige Abt das Talent des Jungen und sorgte dafür, dass dieser in Gemünden und Frankenberg auf die Lateinschule kam. Später studierte der junge Mann in Erfurt und wurde dort Professor. Unter dem latinisierten Namen Helius Eobanus Hessus stieg er auf zu einem der führenden Humanisten in Deutschland und verfasste Gedichte in neulateinischer Sprache. Sowohl mit dem Maler Albrecht Dürer als auch mit dem Reformator Martin Luther war er wohl bekannt, letzterer nannte ihn „den König der Dichter“. Der hessische Landgraf Philipp, der Großmütige, berief Eobanus Hessus zum Professor und zum Rektor seiner neugegründeten Universität in Marburg, wo er 1540 starb und beerdigt wurde.

Wo das Geburtshaus von Eobanus Hessus stand, ist nicht mehr zu ermitteln. Hingegen ist das kleine Fachwerkhaus, in dem Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und seine Geschwister das Licht der Welt erblickten, bis heute erhalten. Zudem wird in einer Präsentation im alten Kreuzgang des Klosters der Lebensweg des Goethe-Tischbeins in wesentlichen Teilen dargestellt, zu sehen ist auch eine Stammtafel der Sippe. Ferner gibt es einen Tischbein-Wanderweg. Er führt von Tischbein-Haus an der alten Klostermauer zur ehemaligen Schule in Dodenhausen – dort lebte einst eine Tante von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, die er öfters mit dem Vater besuchte.