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Das Spital für die Armen

Die Hospitalstiftung des Landgrafen Philipp gilt bis heute als eine sozialpolitische Pioniertat und hat auch bis heute Bestand. Als der Herrscher 1533 die Reform verkündete, betraf dies nicht nur das Kloster Haina, sondern auch das Augustinerchorherrenstift Merxhausen bei Kassel (heute Bad Emstal). Haina war für Männer, Merxhausen für Frauen aus Ober- und Niederhessen bestimmt. Später kamen weitere Hospitäler in Hofheim bei Darmstadt (heute Riedstadt) und in Gronau bei Wiesbaden (heute Heidenrod) hinzu, und zwar für die Bewohner der südlich gelegenen Grafschaft Katzenelnbogen, die damals im Erbgang an die hessischen Landgrafen gefallen war.

Für die Menschen auf dem Land

Die Stiftung war gezielt für die Menschen in den Dörfern gedacht, weil es auf dem Land, anders als in den Städten, damals noch kaum Einrichtungen der Armen- und Krankenfürsorge gab. Unter Philipp ging man dieses Problem nun systematisch an. Haina wurde Sitz der Gesamtverwaltung der Hospitalstiftung, die Leitung übernahm der Ziegenhainer Hauptmann Heinz von Lüder. Er erhielt den Titel eines Obervorstehers dieser „Hohen Hospitäler“ und erwarb sich große Verdienste beim Aufbau des Systems. In der Hainaer Kirche wurde ihm deshalb neben dem Philippstein ein Denkmal gesetzt, das ebenfalls der Bildhauer Philipp Soldan fertigte.

Wie die Klosterbrüder

Gemäß den Weisungen des Obervorstehers führten die neuen Kloster-Insassen zunächst in mancher Hinsicht ein ähnliches Leben wie zuvor die Mönche, wenn auch unter evangelischen Vorzeichen. „Die Hospitaliten beteten, sangen und arbeiteten gemeinsam; bei jeder Mahlzeit wurden Kapitel aus der Bibel vorgelesen“, schreibt die Historikerin Christina Vanja. Neben Armen und Alten waren es Kranke und Behinderte, die in Haina Zuflucht fanden. Unter ihnen waren Blinde oder Taubstumme ebenso wie Aussätzige, Epileptiker und Syphilitiker. Auch Gemüts- und Geisteskranke zählten von Anfang an zu den Insassen, ab dem 18. Jahrhundert wurde ihr Anteil immer größer. Zur Betreuung wurden anfangs nur so genannte Aufwärter und Geistliche eingesetzt, später auch Ärzte. Und als Patienten wurden in einer späteren Phase auch Bewohner der Städte akzeptiert.

Museum für Psychiatriegeschichte

Im 19. Jahrhundert wandelte man die Einrichtung schrittweise in eine Heil- und Pflegeanstalt für psychisch und geistig Kranke um. Nach den Gepflogenheiten dieser Zeit traktierte man Patienten, die zu Tobsuchtsanfällen neigten, unter anderem mit einer Zwangsjacke, man setzte sie auf einen Zwangsstuhl, zwang sie stundenlang zum Stehen oder steckte sie in ein „hohles Rad“. Solche Gerätschaften werden heute in einem psychiatriegeschichtlichen Museum gezeigt, das 1992 im früheren Sprechraum des Zisterzienser-Klosters eingerichtet wurde. Es will Verständnis für die Probleme geistig und psychisch kranker Menschen wecken und Vorurteile abbauen.

Krankenmorde in der NS-Zeit

Seinen historischen Tiefpunkt erlebte das Hospital in der Nazi-Zeit. Gemüts- und Geisteskranke sowie Menschen mit körperlichen Missbildungen wurden vom NS-Regime als „minderwertig“ und als „lebensunwertes Leben“ betrachtet. 1939 begann man, solche Menschen systematisch durch Giftspritzen umzubringen, sie an Unterernährung sterben zu lassen oder sie in Tötungsanstalten zu verlegen und dort zu vergasen. Von den Hainaer Patienten kamen mehr als 450 auf diese Weise um.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Hospital als Psychiatrisches Krankenhaus dem neugegründeten Landeswohlfahrtsverband Hessen übergeben, der bis heute der Träger ist. Die Geschäfte führt die Vitos Haina gemeinnützige GmbH, eine Tochterfirma der Vitos GmbH, die ihrerseits dem Landeswohlfahrtsverband gehört. Zum Unternehmen gehören eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, eine Klinik für forensische Psychiatrie sowie begleitende psychiatrische Dienste und eine heilpädagogische Einrichtung.

Ein Turm statt eines Dachreiters

In den alten Klostergebäuden war für solche Einrichtungen schon lange nicht mehr genügend Platz. Deshalb wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrfach neue Hospital-Bauten hinzugefügt. Die Kirche litt zeitweise unter starken Verfallserscheinungen, wurde aber mehrfach restauriert, zuletzt sehr gründlich in den Jahren 1982 bis 2012. Schon ein Jahrhundert zuvor, zwischen 1882 und 1889, hatte man den Kirchturm erneuert: eine 1744 errichtete barocke Haube wurde durch den viereckigen neogotischen Aufbau ersetzt, der bis heute das Gebäude krönt. Im Mittelalter hatte – entsprechend dem Zisterzienser-Gebot der Schlichtheit – auf dem First vermutlich nur ein kleiner Dachreiter gesessen, in dem eine Glocke hing. Auf einem 1655 publizierten Kupferstich aus der Werkstatt des berühmten Verlegers Matthäus Merian ist nicht einmal der zu sehen...