Man findet sie an vielen Stellen, wenn man historische Gebäude betritt. Aus einer Ecke, von einem Vorsprung oder von einer Decke herab schaut aus der Mauer unversehens ein steinerner Kopf hervor, vor dem man als Betrachter durchaus erschrecken kann. Mal schneidet die dort dargestellte Figur eine böse Fratze, mal grinst sie wie ein Schalksnarr oder mahnt mit aufgesperrtem Mund und finsterer Miene zur Vorsicht. Solche Köpfe wurden früher oft in Kirchen, Schlössern oder Wohngebäuden angebracht, auch in Nordhessen.

Die Logopädin Inge Eva Schneider-Scholz, die sich seit Jahren als Stadtführerin in Treysa und als Gästeführerin im Kloster Haina mit der Geschichte der Region beschäftigt, hat das Terrain nun systematisch erforscht. Im Schwalm-Eder-Kreis und in den benachbarten Regionen spürte sie an 43 Orten nicht weniger als 435 verschiedene steinerne Köpfe auf, menschliche ebenso wie tierische und teuflische. In einer handlichen Broschüre, die jüngst erschien, dokumentiert sie ihre Fundstücke mit farbigen Fotos und schildert die Besonderheiten. „Ihr Werk ist weit mehr als eine kunsthistorische Dokumentation“, schreibt dazu in einem Geleitwort der Landrat des Schwalm-Eder-Kreises, Winfried Becker. „Es ist eine Einladung zum Staunen, zum Entdecken und zum Nachdenken über die Ausdruckskraft vergangener Zeiten.“  

In der Tat ist wirklich staunenswert, was die Forscherin in Fritzlar, Marburg, Korbach, Schotten oder Homberg (Efze) entdeckt hat: so genannte Schreckköpfe ebenso wie Neidköpfe oder Spottköpfe. Daneben gibt es „Blecker“, ob Mensch ob Hund, die die Zähne auf einander beißen und grimmig blicken, oder Narren- und Teufelsfiguren, die ein wenig gruseln machen. Nach den Erläuterungen der Autorin, die sich auf deutsche und  britische Kulturhistoriker stützt, rührt die Funktion solcher Skulpturen aus dem Mittelalter her, als in ganz Europa der Aberglaube noch weit verbreitet war. Man hatte das Bedürfnis nach einem Abwehrzauber, die Schreckensbilder sollten böse Mächte von den betreffenden Häusern, Kirchen oder Schlössern fernhalten und die Menschen in Alarmstimmung versetzen.  

Eine einzelne Figur ragt heraus: der „grüne Mann“, aus dessen Mund sich Eichenlaub emporrankt und mitunter den ganzen Kopf umhüllt wie eine üppiger Haarschopf. Inge Eva Schneider-Scholz entdeckte ihn nicht nur an der Evangelischen Stadtkirche in Treysa, sondern beispielsweise auch an Gebäuden in Alsfeld, Spangenberg, Melsungen, Bad Hersfeld, Wetter, Frankenberg oder Bad Wildungen. Auch in der Klosterkirche in Haina ist diese Figur vertreten, neben einem Äffchen oder einem Kauz. Solche „grünen Männer“ gab es offenbar auch schon vor 4.000 Jahren in Mesopotamien und Indien, die Kelten kannten sie ebenfalls. Für Interpretationen bleibt also viel Raum.

Das Buch ist 2026 im Selbstverlag erschienen und kann unter Tel. 0160-6023.070 oder der E-Mail-Adresse schneider-scholz@web.de bestellt werden. Auch im Laden des Klosters Haina kann man es zum Preis von 25 Euro käuflich erwerben.