Ein Bub aus Haina in der großen Welt – so muss sich Johann Heinrich Wilhelm Tischbein vorgekommen sein, als er vor fast 250 Jahren nach Neapel kam, um dort eine feste Anstellung zu finden. Der klassizistische Maler aus Nordhessen lebte damals schon eine Zeitlang in Rom, wo er die Kunst der Antike studiert und sein berühmtes Porträt des Dichters Johann Wolfgang Goethe in der Campagna angefangen hatte. Neapel wurde dann für zehn Jahre sein fester Wohnsitz, nachdem er dort zum Direktor der Königlichen Kunstakademie ernannt worden war. Diese fruchtbare und in mancher Hinsicht auch recht abenteuerliche Zeit ist Gegenstand eines Vortrags, zu dem der Verein der Freunde des Klosters Haina für Sonntag, den 14. Juni, um 11:00 Uhr in die Klosterkirche einlädt.
Referent ist der Tischbein-Experte Dr. Wolfdieter Schiecke aus Eutin in Schleswig-Holstein, der Stadt, in der Wilhelm Tischbein dann die letzten 21 Jahre seines Lebens verbrachte und auch im Jahre 1829 starb. Dr. Schiecke, von Hause aus Kinderarzt, hat sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Wirken des Malers befasst und dazu mehrere Publikationen veröffentlicht. Er gehört auch zu den Gründern der Tischbein-Gesellschaft in Eutin, der die Freunde des Klosters Haina e. V. freundschaftlich verbunden sind. In Neapel folgte er den Spuren Tischbeins nicht nur in den verwinkelten Gassen der alten Stadt, sondern auch im Königsschloss von Caserta, das rund 30 Kilometer nördlich liegt. Unter dem Titel „O mia bella Napoli!“ stellt er die Ergebnisse seiner Recherchen vor.
Neapel war zu Tischbeins Zeiten die glanzvolle Hauptstadt des Königsreichs Neapel und Sizilien, das damals die gesamte südliche Hälfte der Apenninen-Halbinsel umfasste; Italien als Staat existierte noch nicht. Neapel hatte um 1790 schon mehr als 400.000 Einwohner und war nach London und Paris die drittgrößte Metropole Europas. König Ferdinand IV., ein Bourbone aus Spanien, und seine Ehefrau Maria Carolina von Österreich, eine Tochter der Königin Maria Theresia, leisteten sich eine glanzvolle Hofhaltung und gaben viel Geld auch für die Förderung der Künste aus. Eine Reihe bekannter Künstler hielt sich jahrelang in Neapel auf, so der berühmte deutsche Landschaftsmaler Jakob Philipp Hackert oder die schweizerisch-österreichische Malerin Angelica Kauffmann. Auch Johann Wolfgang Goethe weilte gemeinsam mit Tischbein in Neapel, wo die beiden über die weiteren Reisepläne in Streit gerieten.
Zehn Jahre lang, von 1789 bis 1799, war Tischbein als Akademiedirektor für die Ausbildung junger Maler zuständig, er schuf aber in Neapel auch selbst zahlreiche Kunstwerke. Dazu zählen eine Reihe von Gemälden für den König sowie die Ausgestaltung mehrerer Räume im Schloss Caserta. Für den britischen Gesandten am Königshof, Sir William Hamilton, zeichnete Tischbein eine Serie von Vasen, die dieser im Umkreis von Neapel hatte ausgraben lassen. Europa war damals im Antiken-Fieber, nachdem 1748 mit der Ausgrabung der bei Neapel gelegenen Städte Pompeji und Herculaneum begonnen worden war. Sie waren beim spektakulären Vulkan-Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 n. C. verschüttet worden.
26.5.2026
