Sie gibt Rätsel auf, die Glocke, nicht nur wegen der drei Hasen. Vielmehr weist das im Kirchturm des Klosters Haina hängende Läuteinstrument mit dem Tiersymbol auch Verzierungen in Form von vier Reliefs auf, die der Gießener Kunsthistoriker Prof. Dr. Markus Späth jetzt erstmals entschlüsselt hat. Seine Erkenntnis: die dort angebrachten Zeichen belegen, dass die beiden mächtigsten Herrscher der Großregion, der Landgraf von Thüringen und der Erzbischof von Mainz, damals über ihre Zuständigkeiten für das noch im Bau begriffene Kloster Haina eine Verständigung erzielt hatten.  

Die so genannte Hasen-Glocke ist bekannt dafür, dass auf ihr drei Hasen abgebildet sind, die durch ihre Anordnung in Kreisform je ein Ohr mit einem Nachbarn teilen. Zu sehen sind nur drei Ohren, ohne dass dies das Bild stört, obwohl es eigentlich sechs sein müssten. Die Bedeutung dieser Symbolik ist nicht zweifelsfrei geklärt und steht auch hier nicht in Rede. Das Interesse von Prof. Markus Späth galt vielmehr den vier Reliefs, die ebenfalls beim Guss der Glocke einst bei mehr als 1.000 Grad Celsius auf deren Körper aufgebracht wurden.

Dieser Vorgang lässt sich nach den Erkenntnissen des Kunsthistorikers mit größter Wahrscheinlichkeit auf die Zeit zwischen 1227 und 1230 datieren, also in die erste Bauphase der frühgotischen Klosterkirche. Der Bau war 1215 begonnen worden, 1224 nahm der Mainzer Erzbischof Siegfried II. persönlich die Weihe vor. Der höchste deutsche Kirchenfürst befand sich damals wie schon seine Vorgänger und später seine Nachfolger in einem ewigen Konkurrenzkampf mit den Landgrafen von Thüringen, die damals außer ihren Stammlanden auch einen großen Teil Nordhessens zu ihrem Einflussgebiet zählten. Erst später sonderte  sich die Landgrafschaft Hessen ab und wurde selbständig. In Thüringen herrschte seit 1217 Landgraf Ludwig IV. Seine Ehefrau war die heilige Elisabeth, die nach dem Tod ihres Gatten 1227 nach Marburg übersiedelte. Als Vormünder ihres Sohnes Hermann II. übten von da an Ludwigs jüngere Brüder Heinrich Raspe und Konrad die Macht aus.

Just auf diesen Landgrafen Konrad fand Prof. Markus Späth, der an der Universität Gießen den Lehrstuhl für Kunstgeschichte innehat, nun Hinweise auf zweien der vier untersuchten Reliefs auf der Hasenglocke. Dabei handelt es sich um die Replik eines Siegels und einer Münze, die mit größter Wahrscheinlichkeit Konrad zuzuordnen sind. In gleicher Weise ist auf den anderen beiden Reliefs der Mainzer Erzbischof Siegfried II. von Eppstein auf der Glocke verewigt worden.

Prof. Markus Späth nimmt an, dass der Guss der Glocke, ein äußerst aufwändiger Akt, vor etwa 800 Jahren wie in anderen Fällen vor prominentem Publikum vollzogen wurde, eventuell sogar in Anwesenheit des Erzbischofs Siegfried II. und des Landgrafen Konrad höchstselbst. Die beiden Fürsten und ihre Vorgänger hatten zuvor um ihren jeweiligen Einfluss auf Haina hart gerungen und dann eine Übereinkunft gefunden, wonach unter anderem die Patronatsrechte der Kirche von den Grafen von Ziegenhain, den Stiftern des Klosters, auf den Erzbischof von Mainz übergingen. Dies war die Voraussetzung dafür, dass die ursprünglich 1188 an der Aulesburg bei Löhlbach gegründete Abtei ins besser geeignete Tal der Wohra verlegt werden konnte. „Allerdings erforderte die Ortsverlegung die Mitwirkung des Landgrafen, denn Haina lag an der Nahtstelle seiner beiden Besitzschwerpunkte in Thüringen und Hessen“, schreibt Prof. Markus Späth dazu in einem Aufsatz, der jüngst unter dem Titel „Klingende Münze, tönendes Siegel“ in dem Heidelberger Fachinformationsdienst arthistoricum.net erschienen ist (Siehe Hinweis am Ende des Textes). Mit dem gemeinsamen Auftritt der beiden Hoheiten und der Replikation ihrer Siegel und Münzen auf der Hasenglocke wurde diese Übereinkunft nun gewissermaßen rechtsverbindlich bekräftigt. Insofern könnte das Ganze „ein symbolischer Akt des Interessenausgleichs vor einer größeren Öffentlichkeit gewesen sein“, heißt es weiter in der Studie des Gießener Kunsthistorikers. „Der Klang der geschlagenen Glocke kündete fortan von der Übereinkunft des Erzbischofs und des Landgrafen zur Verlegung des Klosters an den endgültigen Standort, soweit ihr Schall reichte. Gerade über die Reichweite von Glockenklang definierten sich im Spätmittelalter Rechtsräume.“ Und wenn auch in der Folge nur noch der Glöckner die Hasenglocke in ihrem Dachreiter zu Gesicht bekam, „war für die Initiatoren des Glockengusses die Präsenz von Bild und Schrift offensichtlich von großer Bedeutung“, schreibt Prof. Markus Späth. Der Kirchturm, der den Dachreiter ersetzte und heute die Hasenglocke beherbergt, wurde erst im 19. Jahrhundert gebaut.

Dr. Markus Späth ist Professor für die Kunstgeschichte des Mittelalters an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Architekturgeschichte, der Mediengeschichte reproduzierbarer Bilder wie Siegel und generell der Kunst von Körperschaften wie Klöstern und Städten im europäischen Mittelalter. 


Der Aufsatz kann abgerufen werden unter der Internetadresse https://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/catalog/book/1620/chapter/24649.

Späth, Markus: Klingende Münze, tönendes Siegel: Akustik und Reproduktion in der Dreihasenglocke aus dem Zisterzienserkloster Haina, in: Bosselmann-Ruickbie, Antje, Späth, Markus und Schulz, Matthias (Hrsg.): Silke Tammen (1964-2018) zum Gedenken, Bd. 2: Nachdenken über Sinne, Bildwahrnehmung und Materialität: Silke Tammens Forschungen auf der Spur, Heidelberg: arthistoricum.net, 2025, S. 35–50. https://books.ub.uni-heidelberg.de//arthistoricum/catalog/book/1620.

Vgl. auch den Aufsatz „Im Zeichen des Kreuzes“ von Manfred Albus vom 13. März 2024 auf dieser Website: Im Zeichen des Kreuzes.