Hektor und Andromache: Sie legt ihm schützend den Arm um die Schulter, er wendet sich väterlich seinem kleinen Sohn zu, den eine Amme ihm hinhält. Es ist ein klassisches Historiengemälde, wie man es aus der großen Zeit des Klassizismus kennt. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein hat die Szene 1812 gemalt und darin jene Schicksalsstunde eingefangen, in der sich der trojanische Sagenheld von seinen Liebsten verabschiedet, ehe er in den Kampf zieht und umkommt. Bei einer neuen Ausstellung im Kloster Haina mit dem Titel „Von Heldentum und Zauberkraft“, die am 15. März eröffnet wird, ist dieses Bild eines der Exponate, die den diesjährigen Themenschwerpunkt illustrieren: die Historienmalerei.
Es handelt sich dabei nach den Worten der Kasseler Kunsthistorikerin Caroline von der Osten-Sacken um die seit der Renaissance am meisten geschätzte Gattung der bildenden Kunst. „Historien sind gute Geschichten, wahre ebenso wie erfundene, und ein Historien-Gemälde ist quasi ein Gegenstück zu einer anspruchsvollen literarischen Erzählung“, sagt die Wissenschaftlerin, die seit sieben Jahren die jährlich wechselnden Tischbein-Ausstellungen im Kloster Haina kuratiert. „Hier können die Maler ihrer Phantasie freien Lauf lassen und ihr Talent voll und frei zur Geltung bringen. Deshalb galt die Historien-Malerei vor gut 200 Jahren als Königsdisziplin der Bildkunst.“ Außerdem hätten die Bildgeschichten gewissermaßen alle anderen Gattungen der Malerei enthalten: das Porträt ebenso wie das Stillleben oder die Landschafts- und Genremalerei.
Auch namhafte Angehörige der in Haina verwurzelten Malersippe Tischbein betätigten sich als Historienmaler, so vor allem der Kasseler Hofmaler und Akademie-Direktor Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722-1789) und sein Neffe Wilhelm Tischbein (1751-1829), der durch sein Porträt des Dichters Johann Wolfgang von Goethe in der römischen Campagna berühmt wurde. Wie andere Vertreter ihrer Zunft schöpften sie die Stoffe aus der antiken Mythologie oder aus der mittelalterlichen Geschichte und der Bibel. Oft dienten auch literarische Werke als Vorlage, so im Falle Wilhelm Tischbeins die Dramen „Iphigenie auf Tauris“ oder „Götz von Berlichingen“ von Goethe.
Bei dem erwähnten Bild von Hektor und Andromache, das wie alle anderen Kunstwerke in qualitätvoller Reproduktion gezeigt wird, war die „Ilias“ des altgriechischen Dichters Homer der Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung. Ein anderes Beispiel, das in Haina gezeigt wird, ist der Mythos um den Cherusker-Fürsten Arminius (Hermann), der im Jahre 9 n. C. bei der so genannten Schlacht im Teutoburger Wald als Anführer der Germanen einen legendären Sieg über die Legionen des Römers Varus errang. Sowohl Johann Heinrich als auch Wilhelm Tischbein haben diesen Stoff in Szene gesetzt, sodass ein reizvoller Vergleich sich anbietet.
Johann Heinrich Tischbein d. Ä., der als erster aus der Familie aufstieg und in seiner Werkstatt in Kassel seine Neffen und Töchter als Auszubildende annahm, bediente sich 1783 auch eines italienischen Kreuzritter-Romans aus der Feder des Autors Torquato Tasso (1544-1595). Darin wird die Geschichte des Kreuzritters Rinaldo erzählt, der sich in die Zaubererin Armida verliebt und vollständig ihren Reizen verfällt, sodass er seine Mission vergisst. Tischbein zeigte nun, wie zwei Gefährten namens Carlo und Ubaldo den saumseligen Ritter beim Têta-à-tête mit der Geliebten aufspüren.
„Frauen wurden in der Kunstgeschichte oftmals negativ dargestellt, zum Beispiel als Verführerinnen“, erklärt Caroline von der Osten-Sacken dazu. „Angeblich brachten sie mit Zauberkraft die Männer dazu, ihre Pflicht zu vergessen. Die Männer hingegen wurden als starke, mutige Helden vor Augen gestellt. Das sehen wir heute sicher anders.“ Mit ihren Historien-Gemälden verbanden die Schöpfer nach den Worten der Kunsthistorikerin mitunter durchaus auch moralische Absichten. „Die Bilder sollten nicht nur gefallen, sondern auch belehren. Sie sollten vorbildliche Verhaltensweisen empfehlen und vor schädlichen warnen.“
Zum Vergleich wird in der Ausstellung auch gezeigt, wie der Begriff des Helden in der Gegenwart aufgefasst wird. „Der Blick auf das Heldentum hat sich verändert und wird es auch in der Zukunft tun“, erklärte Caroline von der Osten-Sacken. „Ein Vergleich mit früheren Zeiten kann uns dazu anregen, darüber nachzudenken, was uns heute noch erstrebenswert erscheint und was wir heute vielleicht anders beurteilen.“
Mit der Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, dem 15. März, um 14:00 Uhr beginnt im Kloster Haina die diesjährige Besuchersaison. Dabei hält die Kuratorin Caroline von der Osten-Sacken einen einführenden Vortrag. Außerdem steht sie später für spezielle Kuratorenführungen bereit, und zwar am 24. Mai, am 12. Juli und am 4. Oktober, jeweils um 14 Uhr. Die Ausstellung kann den ganzen Frühling und Sommer über bis zum Ende der Saison am 1. November 2026 jeweils täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr besichtigt werden. An Ostermontag und Pfingstmontag ist sie jeweils auch geöffnet.

